Presse-2017-(3)

autobuchkritik.de

von Mario De Rosa

Kommentar:

Bereits mit seiner ersten einschlägigen Publikation, Forest Punk, hat Dieter Klein mächtig Staub aufgewirbelt. Ganz den vergessenen Automobilen in Wäldern, Autofriedhöfen und Schrottplätzen verschrieben, fand das Erstlingswerk szeneweit sehr viel Beachtung, sind doch diese Anblicke aufgrund über die Jahre rigider eingesetzter Umweltvorschriften sehr selten geworden.

Nun hat sich der Fotograf auf eine lange Reise begeben, aus welcher er mit 5 Terabyte Datenmaterial zurückkehrte. Die Reise führte ihn in die Weiten des nordamerikanischen Kontinents, die eine Zeitreise wurde zwischen Prohibition und Pettycoat, zwischen Al Capone und Elvis Presley, Route 66 und der Straßen von San Francisco.

Auch in den USA werden Schrottplätze geräumt, Sammlungen aufgelöst und mit etwas Glück unter die Leute gebracht, wenn sie nicht den ewigen Jagdgründen zugeführt werden. Dies ist somit kein rein europäisches Phänomen, weswegen der Faktor Zeit eine entscheidende Komponente in Dieter Kleins Projekt spielte.

2 x 240 Seiten sind es geworden, gespickt mit 400 Bildern – eine beispiellose Fleißarbeit, wenn man sich vor Augen führt, welch‘ Bilderfülle bei insgesamt 5 Terabyte gesichtet, aussortiert und digital entwickelt werden mußte, incl. der unvermeidlichen Bildbearbeitung.

Das Resultat, jener, der bereits das Werk Forest Punk kennt, wird es nicht wundern, überzeugt auf ganzer Linie. Wieder einmal blinzeln in Würde gealterte Automobilklassiker durch Gestrüpp, recken Straßenkreuzer ihre rostigen Flossen dennoch stolz gen Abendhimmel, finden reichlich patinierte Klassiker der Vorkriegszeit gnädig Unterschlupf in Scheunen und Schuppen.

Der Unterschied zum Erstling des Kölner Fotografen in der Bildaussage ist enorm: während die auf europäischen Schrottplätzen abgelichteten Fahrzeuge weitgehend Opfer der Feuchtigkeit und der Nässe wurden, dies auch mit reichlich Moos, sonstigem Bewuchs und überwiegend in Auflösung begriffenem Blech quittierten, zeigt sich der Zustand der nordamerikanischen Pendants überwiegend sonnengegerbt, also „oberflächenrostig“. Bei nicht wenigen drängt sich beim Betrachten der Eindruck auf, eine ausgedehnte Inspektion und ein anschließender Schlüsseldreh reichten aus, um den einst im Vorgarten abgestellten Veteranen wieder zur Arbeitsaufnahme zu bewegen. A pro pos Arbeitsaufnahme: der Bogen abgelichteter Objekte spannt sich vom ausgezehrten Arbeitstier bis zum noblen Galabegleiter.

Die Bilder strotzen vor unterschiedlichen Stimmungen. Klein hat diese meisterhaft eingefangen. Ob Morgen-, Mittag oder Abendsonne, Sonnenauf- und Untergänge, direkte oder indirekte Beleuchtung bei Nacht oder dunkle Hallen, jedes Bild verströmt einen Hauch Sagenumwobenes. Auf mich wirkten jene Motive am Eindrucksvollsten, welche die unendliche Weite des Landes einfingen. Im Vorder- oder auch Hintergrund, beinahe zum Nebendarsteller degradiert, der automobile Klassiker. Präsent genug, um nicht unterzugehen, doch ausreichend dezent, um der Landschaft volle Geltung zu verschaffen. Manche Motive wirken konstruiert, wie das dennoch wunderbare Bild des rostigen 1946er Ford Panel Van mit Wohnanhänger und davor platzierten Campingstühlen, doch der Bildaussage und der damit transportierten Bildstimmung tut es keinen Abbruch.

Genau das macht die Bilder aus: die Balance zwischen Stimmung und Bildkomposition. Zwar wirken manche Bilder auf mich zu dunkel, ungeachtet der Dunkelheit, in der sie entstanden, was evtl. mit der Farbtreue des Druckers oder des Papiers zusammenhängen mag, doch alles in allem sind Dokumente entstanden, die, wenn der letzte Schrottplatz geräumt ist, einen hohen soziokulturellen Stellenwert erlangen dürften.

Am Ende eines jeden Bandes befindet sich ein Register mit allen Marken- und Modellnamen (sofern identifizierbar gewesen) der abgelichteten Fahrzeuge.

Launige Texte über die Fahrzeuge und/oder deren Besitzer runden ein rundum gelungenes Projekt ab, das mit mehr als angemessenen 68 EUR bestimmt seine Käufer finden wird. (mdr)